Bekanntlich ist die Liebe die Weltsprache schlechthin und wird überall verstanden. Bei gegenseitiger Anziehung bedarf es keiner Erklärungen und wunderbarerweise sind Worte manchmal überflüssig. Genau das ist mir auf meiner kürzlichen Reise nach Madrid geschehen. Es war so aufregend, es fehlte nur noch, dass man mir die spanische Staatsbürgerschaft dafür ausstellt hätte.
Ich fasse mich kurz, ich bin in ein paar Stunden nämlich mit ihr verabredet, per Skype. Ich weiß jetzt schon, dass es interessant wird. Ich spreche nämlich kein Wort Spanisch und sie kein Wort Deutsch. Was mit Englisch ist? Ach, auch so können wir uns wie halbwegs zivilisierte Menschen über das Wichtigste unterhalten. Aber eigentlich wäre Englisch für uns wirklich nützlich gewesen. Im Moment sind wir was das Sprechen angeht aber eher kunstlos, dafür wölfisch und wild. (Sorry, wenn ich so vehement daherkomme, es ist nur so, dass ich gerade wirklich ziemlich aufgedreht bin. Ich bin seit einer Woche wieder hier, aber mein Kopf, und nicht nur der, ist in Madrid geblieben.

Es war eine zwanglose Begegnung unter zufälligen Umständen, aber es sind die Zufälle, die einem Menschen das Glück bescheren können, wie auch sonst. Denke nur an die Umstände, die deine Eltern und Großeltern und Uhrgroßeltern wie durch ein Wunder zusammengeführt haben müssen, und auf unfassbare Weise dazu geführt haben, dass du jetzt hier meine unsinnige Geschichte liest. (Ein wirklich toller Zufall finde, und ein Glück: danke dafür, dass du mich hier gefunden hast!)

Also, zurück zur Geschichte: Ich bin also in der Abflughalle am Flughafen in Berlin und mein Flug nach Madrid hat Verspätung. Wie schön, denke ich, und schicke eine WhatsApp an meine Freunde, die mich in Madrid erwarten. “Leute, das kann hier dauern. Rechnet nicht zum Mittagessen mit mir.” Kurz drauf schicke ich noch mehr Nachrichten von der Sorte: “Hi. Hier tut sich nichts. Die Wolken streiken oder so, hat es in der Durchsage geheißen. Rechnet nicht mit mir zum Abendessen.” So ging es den ganzen Tag und bis spät in der Nacht hinein. “Liebe Leute, ich wünsche eine gute Nacht. Vielleicht bin ich morgen früh da, wenn ihr aufgestanden seid und frisch geduscht, und zum Frühstück gegessen habt. Hier passiert nix aufregendes, Flughafen eben.”

Und irgendwann nach einer halben Ewigkeit, sitze ich dann doch in dem doofen Flieger und es geht endlich nach Madrid. Um 4-Uhr-Irgendwas am frühen Morgen kam ich schließlich an. Meine Freunde zu dieser frühen Stunde anzurufen, konnte ich vergessen, die schliefen entweder, oder waren vielleicht gar nicht mehr da, umgezogen oder so, Zeit genug hätten sie dazu gehabt. Naja, es war, wie es war, und mir blieb nichts weiter übrig, als noch mein Gepäck abzuholen. Im Koffer hatte ich Essen für meine Freunde eingepackt. (Leckeres aus der Heimat. Da würden sie sich wie ausgehungert drauf stürzen) Und außerdem Tokkets (meine armen Freunde, da stürzen sie sich bestimmt auch wie ausgehungert drauf), irgendjemand muss sich schließlich um alles kümmern.

Aber von meinem Koffer war dann plötzlich keine Spur, einfach verschwunden. “Er ist nicht angekommen, kapiert?“ Das Transportband drehte und drehte sich bis immer weniger Gepäck drauf lag und am Ende noch das letzte Gepäckstück von einem winzigen Menschlein mit Schnurbart abgeholt wurde, dass aussah, als müsste es eine Geige enthalten oder vielleicht eine Lammkeule. Na toll! Was mach ich denn jetzt, ohne Koffer, ohne die Geschenke für meine Freunde, und vor allem ohne Wäsche zum Wechseln. Dabei bin ich doch so reinlich (wer mal intim mit mir war, kann es bezeugen). Ich gab‘s auf und ging also zum Reklamationsschalter. Da würde ich wohl auf Englisch sprechen müssen, ein total beschränktes Englisch, meine verstaubten und nie angewandten Schulgrundkenntnisse eben, völlig unbrauchbar. “My taylor is rich”, “Sorry for my English”. Das wird herrlich! Da kamen mir eher die Wörter aus den Beatles-Songs gelegen, die passten in meiner Situation wie die Faust aufs Auge. “Please, please me”, “help”, “all you need is love” und so weiter.

Und ehe ich es richtig begreifen konnte, Aumann, steht hinter dem Reklamationsschalter die Liebe meines Lebens. Ich konnte es sofort in ihren Augen erkennen. Und an den Flügeln, dass sie mein Engel war, mit weißen Flügeln, die waren auf einer Anzeigetafel genau hinter ihr abgebildet. Ich glaubte, ich stünde vor der Himmelspforte, nicht vor einem Schalter, und eine Aushilfskraft vertrat den heiligen Petrus, der gerade krank war. Verdammt ungelegen war nur ein winzig kleines Problem: Mit ihrem Englisch spielte das Mädel in meiner Liga. Ich konnte es nicht fassen. Und ich fragte mich, wie sie eigentlich an den Job gekommen ist, am Fluggastschalter ohne einen Schimmer von Englisch. So ein durchtriebenes Stück. Sie war der Teufel im Engelskostüm – und das machte mich unglaublich an.
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Aber ich schweife ab. Ich wollte ja über mein Sexerlebnis berichten. Es war also klar, als uns Worte hier nicht weiterbrachten, dass wir es mit Händen und Füßen probierten, was erfahrungsgemäß entweder ziemlich gute oder ziemlich schlechte Ergebnisse erbrachte. In diesem Fall brachte es uns jedenfalls zum Lachen, dann Verbundenheit, gewisse Blicke. Wo das Ohr nichts hört, kann das Auge besser sehen, wir konzentrierten uns also auf das Dingliche, was ja auch viel unverfänglicher war, und ehe sie es erwartete, hatte ich meine Lippen auf ihre gepresst, damit war alles gesagt. Dann Gefühlsexplosion in meiner Magengegend und mein Herz bebte in der Brust.
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Irgendwann ließen meine körperlichen Reaktionen einen Funken Bewusstsein durchdringen und mein Gehirn bemerkte, dass das Mädchen aber sehr unprofessionell daherkam. Das nannte sie wohl Arbeiten. Ob sie das mit anderen Passagieren, die kein Deutsch sprachen auch so machte?

Klappe halten, warnte ich mein Gehirn, ich bin doch nicht gewissenlos. Sie war, genau wie ich, am Sieden, kurz vor dem Überkochen, wie ein Vulkan. Keine Spur mehr von Engelhaftigkeit waren dem Engel mit den weißen Flügeln geblieben. Was für ein Glückspilz ich doch war. Denn natürlich hatte ich Tokkets in der Hosentasche dabei. Für genau diese Situationen überlasse ich nichts dem Zufall. Ich war wie immer an jedem Ort vorbereitet. Wie es sich für einen Menschen mit Stil gehört.
Nicht ein Wort, dafür jede Menge Seufzer. Ohne Atem, als wir fertig waren. Dann mit schwerem Atem, als ich mich mit einem Kuss von ihr verabschieden musste und ihr versprach, dass ich sie anriefe (alles mit Händen und Füßen). Das Mädchen, das mich wieder in den Besitz meines Koffers brachte, konnte mir nicht mit Worten beibringen. Dafür hat sie mir mit ihrem extrem anziehenden Verhalten etwas beigebracht, etwas Wertvolles. Nämlich dass man in den wahren Momenten der Lust auf Wörter wunderbar verzichten kann.

Und du? Hast du schon einmal so eine Begegnung mit jemandem gehabt, mit dem du nicht in deiner Sprache sprechen konntest? War dir dabei auch eher wichtig, wie eure Körper miteinander kommunizierten? Hast du schon einmal erlebt, wie sich dein Körper von alleine mitgeteilt hat? Wie war es für dich? Hast du es ausgekostet, oder hat dir die verbale Ebene gefehlt?